Samstag, 29 April 2017

Eigenhändige Piranesi-Zeichnungen

Praktikant entdeckt kunsthistorische Sensation

von POUR-ERIKA-REDAKTEUR  Susanne Hagel Finanzen Dienstag, 02 Juni 2015 00:32
Vedute des Quirinal Vedute des Quirinal
Bild: Giovanni Battista Piranesi

Karlsruhe - Ein neunzehnjähriger Schülerpraktikant hat im Kupferkabinett der Kunsthalle in Karlsruhe einen Sensationsfund gemacht: Er entdeckte Hunderte von Zeichnungen des italienischen Kupferstechers, Archäologen und Architekten Giovanni Battista Piranesi (1720-1778).

Bereits zu Lebzeiten wurde Piranesi für seine insgesamt sechzehn Platten mit Kerkerdarstellungen bekannt. Die architektonisch ausgeklügelten, monumentalen Phantasielabyrinthe, vermitteln eine zuvor unbekannte Einsamkeit, die mit aller Gewalt auf den Betrachter einstürmt. Sie inspirierten die Architekten des Gefängnisneubaus in Newgate 1770 und wurden verwendet, um den Schrecken der Bastille darzustellen. Weniger bekannt, aber dafür umso umfangreicher, waren hingegen seine Darstellungen von antiken Bauwerken, denn Piranesi war ein leidenschaftlicher Altertumstheoretiker. So erreichten auch seine Zeichnungen von prachtvollen römischen Ruinenphantasien einige Beliebtheit.

 

„Wenige haben die Nadel mit solcher Keckheit zu führen verstanden. Seine zahlreichen Arbeiten dieser Art trugen zur Verbreitung der Liebe und des Geschmacks für die Werke der Alten wesentlich bei“, schrieb 1805 Johann Wolfgang von Goethe bewundernd über Piranesi. Es heißt weiter, Goethe sei, als er erstmals vor dem Forum Romanum gestanden habe, enttäuscht gewesen, denn er habe sich die Szenerie monumentaler, atmosphärischer vorgestellt – eben so, wie die Ruinen auf Piranesis damals weitverbreiteten Radierungen dargestellt waren.

 

Piranesis Werke strotzen vor Detailtreue. Er war ein Meister des perspektivischen Effektes. Mithilfe mehrerer Fluchtpunkte ließ er Säulen gewaltiger erscheinen, vermittelte dem Betrachter ein Gefühl für den Raum, zieht ihn ins Bild hinein. Neben seinen weitverbreiteten Kupferstichen traten seine eigenhändigen Zeichnungen jedoch in den Hintergrund. Bei einem Brand im Jahr 1799 verbrannten zudem sechstausend seiner Zeichnungen. Weltweit, so dachte man bisher, seien wohl noch rund fünf- bis sechshundert Zeichnungen des Künstlers erhalten. Bis Georg Kabierske ein vierwöchiges Schülerpraktikum in der Karlsruher Kunsthalle machte – und dabei Hunderte bisher unbekannter Zeichnungen entdeckte.

 

Weil er selbst erst im vergangenen Schuljahr ein Referat über den Künstler gehalten hatte, kannte der Praktikant dessen Motive. Sein Vater organisierte zudem gerade eine Ausstellung über den für Karlsruhe bedeutenden Architekten Friedrich Weinbrenner (1766-1826). Dieser unterrichtete seine Schüler einst mit Studienblättern, die er aus seiner Zeit in Rom mitgebracht hatte und die später in den Besitz der Kunsthalle übergingen. Als Kabierske bei der Durchsicht dieser Unterlagen auf Veduten mit den typischen römischen Ruinenphantasien Piranesis stieß, war ihm sofort klar, was Historiker vor ihm übersehen hatte: Es handelte sich um eigenhändige Zeichnungen des berühmten Künstlers.

 

Bis dato ahnte Leiterin Dorit Schäfer nicht einmal, dass sie neben Kupferstichen wohl auch die größte Sammlung an Piranesi-Zeichnungen besitzt. Inzwischen wurde ein wissenschaftlicher Beirat geschaffen, der sich mit den Unterlagen beschäftigt. Neben Schäfer, gehört auch die Direktorin der Kunsthalle, Pia Müller-Tamm, und der Kunsthistoriker Christoph Frank, sowie die Konservatorin Irene Brückle sowie weitere internationale Piranesi-Experten dazu. Kabierske studiert inzwischen übrigens Kunstgeschichte.

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